Freiheit & Fortschritt
Herbst 2026 · laufendFortschritt ist zurück, zumindest als Wort. Abundance, Progress Studies, Accelerationism — die anglophone Debatte hat neue Namen für die urliberale Frage nach dem Fortschritt gefunden.
Nach Jahren der Degrowth-Debatte und den vermeintlichen Grenzen des Wachstums soll im Westen nun umso stärker die Richtung Fortschritt eingeschlagen werden.
Was ist dran an den neuen Schlagworten und was kennen wir schon lange? Ist ein starker Fortschrittsbegriff realpolitischer Pragmatismus oder eher erfolgsversprechende Metapolitik?
- Zurück nach vorn
Wie Kingsnorth, Göpel und Ehrlich blickt auch Deutschland in die Zukunft. Wir fürchten uns, sehen vor allem Risiken und wollen möglichst viel Schlimmes verhindern. Fortschritt scheint philosophisch diskreditiert und nicht einmal mehr utopisch. Tatsächlich ist es umgekehrt: Die gegenwärtige Verhinderungshaltung ist moralisch verwerflich; Fortschritt dagegen ist möglich, wertvoll und erstrebenswert.
- Der Präventionsstaat
Teile des Silicon Valley wollen auf dem Mars leben; Echtzeit-Datenströme und KI sind der Puls der Smart City Shenzhen in China. In Deutschland hingegen endet die Fortschrittserzählung meist vor einem Gerät, das wie kaum ein zweites der Sargnagel unserer Stagnation geworden ist: dem Drucker.
- Fortschritt jenseits des Staates
Der moderne Mensch existiert seit ungefähr 200.000 Jahren. Doch erst seit rund 250 Jahren, also nur während eines verschwindend kleinen Teils unserer Geschichte, etwa 0,125 Prozent (!), erleben wir etwas, das man ohne Übertreibung als historisch außergewöhnlich bezeichnen kann: anhaltenden Fortschritt.
- Die Subjektivität des Fortschrittes
Fortschritt galt für lange Zeit als uneingeschränkt gut: als etwas, das wir alle als Imperativ wahrnehmen sollten. Heutzutage jedoch werden Bücher zum Bestseller, die das „grüne Schrumpfen“ (Ulrike Herrmann, Das Ende des Kapitalismus) oder die „Befreiung vom Überfluss“ (Niko Paech, Befreiung vom Überfluss) fordern. Diese stehen paradigmatisch für das in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Degrowth-Paradigma, wonach das, was bisher Fortschritt genannt wurde, nicht gut, sondern schlecht sei.
- Akzelerationismus nach der Beschleunigung
Wenn die Dinge sich von selbst beschleunigen, dann ist Akzelerationismus womöglich nur noch eine Kommentierung des Entgleitens. Eine Flucht nach vorn, die von der Gegenwart eingeholt wurde.
- Obamabundance
Der Slogan, mit dem Rob Jetten die niederländische Wahl 2025 gewann, trägt ein unverkennbares Echo in sich, fast eine wörtliche Übersetzung, des Optimismus von Barack Obamas erstem Präsidentschaftswahlkampf: yes, we can. Und es war nicht das Einzige, was Jetten sich für die linksliberale D66 von Obama lieh. Er stellte sich gegen Spaltung, ging auf Wähler zu, die ihm widersprachen, und wollte dem Land und seiner Regierung wieder positive Energie geben.
- Fortschritt wollen, dulden, machen
Im Wohnzimmer eines der Autoren steht ein Print des Motivs „Paris-Bruxelles“ des belgischen Comic-Künstlers François Schuiten. Die Zeichnung zeigt eine retrofuturistische Vision von Paris, in dem der Eiffelturm und die Bâtiments Haussmanniens zwischen Viadukten mit Schnellzügen verschwinden, Gleiter durch die Luft surren, und moderne Art-déco-Hochhäuser in den Himmel ragen. Die Vorstellung einer Zukunft, die Nostalgie auslöst: Futuristisch, ästhetisch, nachhaltig, europäisch, fortschrittlich.
- Eine neue Liebe zum Wachstum im chinesischen Jahrhundert?
Von einem Gramsci Midcult ließe sich in diesen Zeiten problemlos sprechen. Metapolitik ist das geflügelte Wort mit dem allerlei politische Fraktionen in die Schlacht ziehen, um – wie auch immer geartete – kulturelle Landgewinne zu versprechen. Der vulgäre Gramscianer reagiert auf die kulturellen Blindspots des Establishments mit einem eigenen politischen Blindspot: er liebt die kulturellen Abstraktheit, um die politische Konkretheit auszublenden.
- The Housing Theory of Everything
Die Wohnungsknappheit im Westen hindert nicht nur viele daran, je ein eigenes Zuhause zu besitzen. Sie verstärkt auch Ungleichheit, Klimawandel, schwaches Produktivitätswachstum, Fettleibigkeit und sogar sinkende Geburtenraten.
- Menschlicher Fortschritt?!
„Was trinkst du da?“, frage ich meine Freundin. Sie schüttelt gerade Pulver mit Wasser in einem Shaker. Während sich das Pulver langsam auflöst, färbt sich die Flüssigkeit in ein giftiges Pink. „Das ist der neue Longevity-Mix von Bryan Johnson.“ Ah, der neue Longevity-Mix von Bryan Johnson, denke ich.