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Fortschritt galt für lange Zeit als uneingeschränkt gut: als etwas, das wir alle als Imperativ wahrnehmen sollten. Heutzutage jedoch werden Bücher zum Bestseller, die das „grüne Schrumpfen“ (Ulrike Herrmann, Das Ende des Kapitalismus) oder die „Befreiung vom Überfluss“ (Niko Paech, Befreiung vom Überfluss) fordern. Diese stehen paradigmatisch für das in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Degrowth-Paradigma, wonach das, was bisher Fortschritt genannt wurde, nicht gut, sondern schlecht sei.

Diese neue Perspektive auf Fortschritt und verbundene Konzepte wie Wachstum ist jedoch auf ein Missverständnis des Fortschrittsbegriffes zurückzuführen. Ein Missverständnis aber, dem nicht nur manche Kritikerin des Fortschritts, sondern auch einige seiner Verteidiger anheimgefallen sind.

Dieses Missverständnis liegt in einem objektivistischen Fortschrittsbegriff, also der Idee, dass Fortschritt losgelöst von dem, was Menschen für gut befinden, gedacht werden kann. Eng verbunden mit diesem ist eine Fehlinterpretation des Güterbegriffs, derzufolge Güter objektiv aufgefasst werden. Gemeinsam münden diese beiden Missverständnisse in den regelmäßig widerlegten Prognosen zu Grenzen des Wachstums.

Fortschritt und das eng damit verbundene Wachstum beziehen sich darauf, wie Subjekte die Welt sehen. Fortschritt und Wachstum gibt es ergo nicht in einer Welt, in der es niemanden gibt, für den sich etwas verändert. Wir können sie nicht loslösen von der subjektiven Perspektive: Fortschritt bedeutet, dass ein Akteur Erfolg hat, er also fortschreitet auf dem Wege, seine Ziele zu verwirklichen. Und Wachstum erlebt jemand dann, wenn er mehr Wohlfahrt genießt, in den meisten Fällen, weil diese Person mehr Ziele erreichen kann oder dies günstiger schafft.

Sprechen wir also von Fortschritt und Wachstum dann meinen wir damit, dass es uns besser geht – wir bekommen mehr von dem, was für uns wertvoll ist!

Die Subjektivität von Fortschritt und Wachstum hat Einzug gefunden in die Ökonomik im Zuge der sogenannten marginal revolution, die auf 1871 datiert wird. Während die klassischen Ökonomen – Adam Smith, David Ricardo oder auch Karl Marx – von einem zumindest in Teilen objektiven Wertbegriff ausgingen, zeigten Carl Menger, Léon Walras und William Stanley Jevons, dass wir mit Wert etwas Subjektives meinen. Dahin, dass, wenn Wert subjektiv ist, Fortschritt und Wachstum ebenfalls subjektiven Charakter haben, ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Die drei Pioniere haben den Subjektivismus allerdings unterschiedlich tief verfolgt. Mengers österreichische Linie zog ihn bis in den Güterbegriff hinein – die Grundsätze eröffnen ja gerade mit der Explikation des Gutes als etwas Subjektivem. Die Mainstream-Ökonomik, demgegenüber, war eher inspiriert von Walras‘ und Jevons‘ Ansätzen und verfehlte, in deren Fahrwässern schwimmend, eine radikale Umsetzung der subjektivistischen Einsichten. Die marginal revolution war damit kein abgeschlossener Durchbruch, sondern eine angefangene und nur teilweise zu Ende geführte Entwicklung – weitgehend konsequent fortgesetzt nur von einigen Denkern, wie etwa Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Erich Zimmermann, Julian Simon oder Israel Kirzner.

Innerhalb der Ökonomik hat sich der Subjektivismus zumindest beim Wertbegriff weitgehend etabliert, in der breiteren Öffentlichkeit ist die Diskussion hingegen oft von einem objektivistischen Verständnis geprägt. Das mag auch damit zu tun haben, dass die Indikatoren, welche Ökonomen verwenden – man denke an das BIP – objektivistische Elemente beinhalten. Doch hierbei handelt es sich eben nur um Indikatoren, nicht um die Werte, um den Fortschritt und das Wachstum, die von diesen Indikatoren praktisch angezeigt werden sollen – und die eben subjektiv sind.

Die Einsicht in die Subjektivität von Fortschritt und Wachstum an und für sich reicht schon aus, um das Gerede von Grenzen des Wachstums als falsch zu entlarven. Denn wenn es bei diesen Dingen darum geht, wie Subjekte ihre Welt bewerten, dann ist offensichtlich, dass die physischen Grenzen dieser Welt im Endeffekt irrelevant dafür sind, wie diese Akteure sie bewerten. Plakativ gesprochen: da Fortschritt und Wachstum sich darauf beziehen, was jemand gut findet, dies aber unabhängig von der Welt ist – der Mönch mag sehr wenig Materielles gut finden und den Weg dorthin somit als Fortschritt und Wachstum begreifen –, können die Grenzen der Welt keine Grenzen für Fortschritt und Wachstum implizieren. Und das ist allein eine analytische Einsicht – keine empirischen Annahmen sind notwendig.

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Nun mag man aber einwenden, dass nur sehr wenige Menschen die Werte eines Asketen teilen. Vor diesem Hintergrund könnte man dann auf praktische Grenzen des Wachstums kommen: so, wie das Gros der Menschen nun mal ist, ist endloses Wachstum in einer endlichen Welt nicht möglich. Aber auch diese Verteidigungslinie erweist sich bei genauerem Hinsehen als brüchig.

Ihr Fehler ist ein objektivistischer Güter- und Ressourcenbegriff. Genauso wenig wie wir mit „Wert“ Objektives meinen, meinen wir solches mit „Gut“. Während Dinge in der Welt sind, meinen wir mit Gütern das, was Akteure in ihrem Handeln zum Erreichen ihrer Ziele einsetzen – basierend auf ihren Überzeugungen, dass diese Güter ihnen dabei helfen, ihre Ziele zu erreichen. Der wohlverstandene Güterbegriff, den Carl Menger so zentral in seinen Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre platzierte, zeigt die Unabhängigkeit von Gütern, Ressourcen und Mitteln, die wir ja einsetzen, um Wachstum und Fortschritt zu erreichen, von der Welt. Ein gutes Beispiel hierfür bieten seltene Erden, etwa Neodym. Heutzutage wird Neodym u.a. für Magnete im Smartphone verwendet. Aber das Material liegt nicht nur seit Äonen im Boden, nein, es wurde schon 1885 erstmals isoliert. Zum Gut wurde es aber erst, als die Überzeugung reifte, man könne den Stoff entsprechend verwenden – und es zu entsprechendem Handeln kam.

Es folgt also auch aus dieser Perspektive nicht, dass die Grenzen der Welt die Grenzen der Güter, Ressourcen und Mittel bestimmen. Vielmehr bedeutet die Subjektivität dieser Entitäten, dass unsere Vorstellungskraft – sofern sie das eben tut – uns Grenzen setzt. Aber sofern dieser keine Grenzen gesetzt sind, gibt es auch aus dieser Perspektive keine Grenzen des Wachstums und des Fortschritts. Der kreative Unternehmer kann neue Güter in gewisser Weise aus dem Nichts schaffen – wie es der japanische Erfinder Masato Sagawa mit dem Neodym-Eisen-Bor-Dauermagnet tat.

An dieser Stelle sind allerdings zwei Schritte zu unterscheiden, die in Wachstumsdebatten oft ineinander gleiten. Dass Güter subjektiv konstituiert sind, ist eine analytische Einsicht: Sie entzieht der Rede von Grenzen des Wachstums ihren begrifflichen Halt. Dass die menschliche Kreativität de facto stets schnell genug neue Güter aus „neutral stuff“ schafft, um zu verhindern, dass das Gewollte nicht mehr erreicht werden kann, wenn die alten Güter erschöpft sind, ist hingegen eine kontingente, empirische These – Julian Simons Auseinandersetzung mit Paul Ehrlich war ja letztlich eine Wette über reale, konkrete Preisentwicklungen, die Simon gewann.

Aber selbst die Ökonomen, die ja weite Schritte gegangen sind durch die Entwicklung der subjektiven Wertlehre im Zuge der marginal revolution, haben diese Einsicht in die Subjektivität des Güterbegriffs nicht durchgängig gewinnen können. Zwar gab es Pioniere wie den bereits erwähnten Carl Menger oder die US-amerikanischen Ökonomen Erich Zimmermann und Julian Simon, die die Subjektivität auch von Gütern klar erkannt haben und in ihren Werken dargelegt haben: Zimmermann, etwa, unterschied klar zwischen „neutral stuff“ and „resource“, which „become“ – dann, wenn jemand diesen „neutral stuff“ eben für seine Zwecke einsetzt; und Julian Simon betonte, vor diesem Hintergrund, dass die menschliche Kreativität die „ultimate resource“ sei, da sie eben dafür sorgt, dass Ressourcen entstehen.

Aber der durch und durch subjektivistische Güterbegriff hat sich selbst unter den Ökonomen nicht wirklich durchsetzen können. Ein gutes Beispiel hierfür mag die Diskussion um öffentliche Güter sein, welche ja oft als Rechtfertigung staatlicher Eingriffe bemüht werden, die aber nicht dem Prüfstein eines subjektivistischen Güterbegriffs unterzogen werden. Dieser nur unzureichende Subjektivismus der Ökonomen mag der Grund sein, weswegen in der Argumentation wider die Grenzen des Wachstums der Hauptfokus auf der technologischen Ingenuität des freien Unternehmertums zu sein scheint.

Das ist nicht nur deswegen problematisch, weil die schärfste Waffe in der Auseinandersetzung mit den Kritikern von Wachstum und Co. ungenutzt bleibt. Es ist auch deswegen unglücklich, weil die praktischen Handlungsempfehlungen andere sein würden.

Vor dem Hintergrund der Subjektivität der Güter ist der institutionelle Rahmen nämlich nicht beiläufig, sondern konstitutiv. Wenn Güter durch unternehmerisches Handeln aus „neutral stuff“ hervorgehen, dann hängt das, was überhaupt als Gut existiert, davon ab, ob Akteure die Freiheit sowie das (von Hayek stets so betonte) Wissen und die Anreize haben, solches Handeln zu vollziehen. Genau diese Bedingungen hat Israel Kirzner in seiner Theorie der „entrepreneurial alertness“ und der Entdeckung von Profitchancen herausgearbeitet: ‚falsche‘ Preise eröffnen Profitmöglichkeiten, Profitmöglichkeiten wecken unternehmerische Aufmerksamkeit, und unternehmerische Aufmerksamkeit lässt – mit Zimmermann gesprochen – „resources become“. Diese Kette setzt eine gefestigte Marktwirtschaft, also private Eigentumsrechte, freien Tausch und Vertragsfreiheit voraus. Ein System ohne diese Institutionen liefert nicht lediglich weniger Güter; es verhindert, dass diese überhaupt entstehen: der Markt kann nur dann als „Entdeckungsprozess“ (Hayek) fungieren, wenn Akteure frei sind und das Zutrauen haben, miteinander tauschen zu können.

Als Philosoph oder Ökonom sollte man für einen präzisen Wert- und Güterbegriff eintreten. Als Liberaler sollte man die Subjektivität dieser Begriffe verinnerlichen: Fortschritt und Wachstum sind stets abhängig von jeder Einzelnen: insofern als dass wir Akteure analytisch nach Handlungserfolg strebend auffassen, können wir Fortschritt und Wachstum als in diesem subjektiven und individuellen Sinne gut bezeichnen: es ist eben das, was die Akteure wollen. Und dann, wenn die Akteure frei sind, Güter zu schaffen, werden wir, im Zuge der kooperativen Arbeitsteilung, alle profitieren.