Wer ævum online liest, bekommt jeden Mittwoch einen neuen Essay aus der laufenden Ausgabe ins Postfach. Freitags gelegentlich einen splittær.
Die Schlacht um Begriffe und ihre Bedeutung wird jeden Tag geführt – online, vor Ort und in akademischen Debatten. Wir Liberale aber verschlafen sie oft, viel zu gutmütig freuen wir uns über jeden, der uns und den eigenen Vordenkern ein wenig Aufmerksamkeit schenkt. Klar, beim Lesen dieser Beschäftigungen ärgern wir uns dann über Ungenauigkeiten – hinter denen aber sicher keine Absicht steckt.
„The Dark Knight“, der zweite Teil der legendären Batman-Trilogie von Christopher Nolan, erzählt nicht nur die Geschichte von Joker, sondern auch die von Harvey Dent. Der Sunnyboy-Staatsanwalt mit dem höchstmöglichen Idealismusfaktor möchte das verkommene Gotham City aus dem Griff von Kriminalität und Korruption befreien.
Wer über die Gretchenfrage des Liberalismus spricht, impliziert in der Regel die von Isaiah Berlin ausgerufene Unterscheidung zwischen „positiver“ und „negativer“ Freiheit, zwischen einer negativen Freiheit von und einer positiven Freiheit zu. Auf jener Skala, die sich an genannten Vorzeichen aufzieht, kann man Hayek und Rawls, Dahrendorf oder Shklar recht zielgenau einordnen - und sich obendrein gleich seiner selbst vergewissern.
Das Jahr 2026 hat mit einem Handstreich begonnen: Die Entführung Nicolas Maduros durch US-Spezialkräfte erfolgte nach einem wenige Wochen vorher in der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie veröffentlichten Playbook, das Lateinamerika zur Einflusssphäre und höchsten Priorität der amerikanischen Außenpolitik erklärt hat.
Es ist eine kurze Rede, die Peter Thiel 2016 beim Parteitag der Republikaner hält. Kurz nach Beginn erlaubt er sich einen beiläufigen Witz über Hillary Clinton, nur um dann vom Jubel des Publikums unterbrochen zu werden. Thiel lächelt kurz, ein wenig verlegen, als sei es ihm noch unangenehm, auf diese Weise Applaus einzusammeln.
Auch unter Liberalen gibt es diejenigen, die in der Neuen Rechten Mitstreiter im Kampf gegen den linken Zeitgeist sehen. Dabei übersehen sie, dass die vermeintlichen Partner in Wahrheit falsche Freunde sind.
Ich sitze hier in Zypern, zum vierten Mal in meinem Erwachsenenleben in ein neues Land gezogen, und denke an jene Person zurück, die ich mit 19 war – nerdig, bücherversessen, fasziniert von Mises, Rothbard und Hayek. Bis ich 17 oder 18 war, kannte ich niemanden sonst, der sich für diese Ideen interessierte.
„Only through a repair of time can we move toward a repair of the nation.”
Elon Musk ist schwer zu ignorieren und noch schwerer zu verstehen. Quinn Slobodian und Ben Tarnoff unternehmen daher in „Muskismus” gar nicht erst den Versuch, ihn verstehen zu wollen, zumindest nicht als Person. Musk, so die These, ist weniger Person und mehr Symptom. Sie lesen ihn also als Verkörperung einer Ideologie, die ihre ganz eigene Logik hat und die weit über einen einzelnen südafrikanisch-amerikanischen Milliardär mit Weltraumambitionen hinausweist.
Mit Trumps Wiederwahl stehen plötzlich nischige Ideen aus libertären Silicon Valley Kreisen im Rampenlicht der Medien. Über die exotischen Ideen von Monarchismus und Libertarismus, die durch Peter Thiel und Curtis Yarvin über J.D. Vance, David Sacks und Elon Musk mitten in die US-Regierung getragen wurden, wurde viel geschrieben.
Einige Jahre zuvor war Smith Professor an der Universität Glasgow geworden. Sein Ruf wuchs beträchtlich nach 1759, als er im Alter von 36 Jahren The Theory of Moral Sentiments veröffentlichte. Es war ein Buch über Tugend; das heißt, ein Buch über unsere Pflichten, moralisch besser zu handeln.
Es ist etwas still geworden um Patrick Deneen. Der wohl prominenteste Denker des Postliberalismus hat sich in den vergangenen Monaten auffallend wenig geäußert. Für den kommenden Juli ist ein neues Buch angekündigt – diesmal soll es nicht um den Liberalismus gehen, sondern um Homers Odyssee und die Frage, was dieser Mythos über den Zustand der US-amerikanischen Seele verrät.
Dass ein Riss durch die deutsche Liberale-Szene geht, registrierte ich zum ersten Mal Mitte der 2010-Jahre. Liberale Debatten wurden damals auf Facebook geführt, hier suchte man Gleichgesinnte, Resonanz, aber auch den inhaltlichen Streit.
Die zurückhaltende bis skeptische Haltung, die in liberalen Kreisen regelmäßig gegenüber majoritärer Herrschaft gepflegt wird, ruht auf einem vorpolitischen und eng gefassten Freiheitsverständnis. Dabei wird verkannt, dass repräsentative, mehrheitsdemokratische Herrschaftsformen als wohl einzige die faktischen Bedingungen modernen gesellschaftlichen Lebens mit dem Gedanken weitestmöglicher Selbstbestimmung zusammenzubringen vermögen.
Es gibt politische Theorien, die entstehen in Universitäten, begleitet von Fußnoten, Forschungsstipendien und einem gewissen Geruch von 70er-Jahre-Teppichboden. Und es gibt politische Theorien, die entstehen nachts um halb drei im Internet, zwischen Kommentarsektionen, Blogposts und dem festen Glauben, dass die Welt vor allem deshalb schlecht funktioniert, weil ihre Institutionen strukturell falsch programmiert sind.
Der Liberalismus war gerade dort erfolgreich, wo er, einem alten Sprichwort folgend, den Menschen das Fischen lehrte. Doch die neuesten Ideen des liberalen Lagers vergessen diese historische Lektion und werfen mit Fisch um sich. Statt Regeln für gemeinsame Entscheidungsfindung anzubieten, ist gerade Dezisionismus en vogue.
Die Kurzfassung: Sein erstes Buch *Globalists* ging Slobodian noch als verwirrter, aber relativ ehrlicher Forscher an, der sich in ein Material einarbeitete, das er nicht verstand.
»Der Liberalismus ist tot. Und es waren die Liberalen, die ihn umbrachten.«
Die deutsche Freiheitsbewegung sitzt im Bewerbungsgespräch. Frage: „Was ist Ihre größte Schwäche?“ Antwort: „Nach den letzten Jahrzehnten bin ich vielleicht etwas zu sehr verwöhnt vom Erfolg. Außerdem [versucht vergeblich bescheiden zu lächeln]: Ich gebe es zu, meine Persönlichkeit ist sehr anspruchsvoll und vielschichtig.
Als ich zu Beginn des Jahres von Polity Press gleich zwei Bücher zum Thema Postliberalismus zur Rezension zugeschickt bekam, war ich zunächst etwas überrascht. Irgendwie schien mich die Zeit eingeholt zu haben: Hatte Adrian Pabst nicht erst 2020 den „post-liberalen Moment“ ausgerufen?
Das Zeitalter des Liberalismus sei vorbei, tönt es von rechts, von links, und sogar schon aus der Mitte. Von geopolitischen Verschiebungen, technologischen Transformationen und enttäuschten Hoffnungen ist die Rede, wenn der Abgesang der alten Ordnung wahlweise bejubelt oder bedauert wird.
Es mag ungewöhnlich erscheinen, diesem Essay eine Rechtfertigung vorzuschieben, die nicht einmal diesem Essay als solchen gilt, sondern der Gründung eines Magazins. Der Grund aber, warum ich mich auf dieses Projekt freue, den Zeitpunkt der Gründung für genau richtig halte, hat mit einer signifikanten Leerstelle des Liberalismus zu tun, die (von Freunden wie Gegnern) weitgehend unadressiert scheint.
Der Liberalismus hat das Reden über sich selbst nicht verlernt, nur das Denken. Kaum ein politisches Lager ruft so oft nach Erneuerung. Die einstige intellektuelle Selbstgewissheit des liberalen Lagers ist im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts einer melancholischen Müdigkeit gewichen.
Als die ersten Pioniere in den 60er und 70er Jahren die Vorläufer des Internets entwickelten, taten sie dies auf bewundernswerte Weise. Dutzende Forscher und Heerscharen von Doktoranden bauten kleine Teile, die sich teils erst Jahre später in das Netzwerk einfügen ließen. In jahrelanger, kleinteiliger Forschungsarbeit wurden die ersten Server und Netzwerke entwickelt und auf dem Weg tausende Probleme kreativ und pragmatisch gelöst.
Es ist inzwischen eine traurige Tatsache, dass kein Text über den zeitgenössischen Liberalismus ohne die obligatorische – und irgendwie mitleiderregende – Krisendiagnose auskommt. Aber keine Sorge, ich halte mich kurz. Denn wir wissen doch alle, wo die Probleme liegen, und haben sie in allen nur denkbaren Formaten schon tausendfach durchdekliniert: Das Aufkeimen des Populismus als dezidiert illiberaler weltanschaulicher Antagonist, die Aushöhlung der liberalen Demokratie von innen, die Rückkehr von Geopolitik und Nullsummenspielen in den internationalen Beziehungen und das Entgleiten der eigenen Ordnungsvorstellung von der dynamischen offenen Gesellschaft hin zur bürokratisch-statischen institutionellen Sklerose, die die westliche Welt heute so lähmt.
Buchbesprechung zu Mark Pennington (2025): Foucault and Liberal Political Economy: Power, Knowledge, and Freedom, OUP.
Den Marxismus macht nicht die Idee aus, dass die materiellen Produktivkräfte eine Rolle in der Entwicklung unserer Gesellschaften spielen. Charakteristisch für ihn ist vielmehr die Überzeugung, dass allein die Produktivkräfte entscheidend sind. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest überraschend, dass Antonio Gramsci als Marxist gilt.
Realignment, eine neue Ausrichtung des politischen Spielfelds – so nenne ich den Prozess, der stattfindet, wenn sich die Frage verändert, anhand derer sich die Öffentlichkeit in zwei Lager spaltet. Das führt zu einem Mischen der Karten in der Politik, wenn alte Genossen neue Feinde und alte Feinde neue Verbündete werden. Eine solche grundlegende politische Neuordnung findet im Augenblick fast überall auf der Welt statt.
Die Welt ist am Ende des Jahres 2025 nicht mehr diejenige, die sie vor vier, sechs oder auch zehn Jahren war. Die neue Lage der Dinge fordert auch den Liberalismus als politische Idee heraus. Dazu kommt erschwerend: Angesichts der politischen Siege der Neuen Rechten sieht er sich regelrecht in die Ecke gedrängt.
This article was produced by and originally published in Noema Magazine.
Das Walter Lippmann Kolloquium im Jahr 1938 wie auch das Vorgängertreffen der Mont-Pèlerin-Society (MPS) im Jahr 1947 waren kritische Auseinandersetzungen mit dem kompletten Scheitern des Liberalismus, wie man ihn in den 30er Jahren sah. In beiden Fällen kamen Menschen mit viel Zweifel zusammen, die selbstkritisch schauen wollten, ob der Liberalismus noch eine Zukunft hat.
Zwei Krisen fallen im Augenblick zusammen: die Krise des Liberalismus und die Krise der Ökologie. Sie verstärken sich gegenseitig und werden gleichzeitig exzessiv gegeneinander ausgespielt. Verzagen sollte man hier aber nicht: Die Antwort zur Bewältigung beider Krisen liegt gerade in ihrer gemeinschaftlichen Bearbeitung.
Das gedruckte Heft erscheint zur Quartalsmitte. Mit allen Texten der Ausgabe, gestaltet, gesetzt, gedruckt.
ævum ist ein Magazin für Liberale aller Parteien — und für eine Freiheit, die weiterdenkt. Wir behandeln vier Themen in vier Ausgaben im Jahr, als Einladung zum Denken, Schreiben und Streiten.
Was uns interessiert, ist nicht die Verteidigung des Liberalismus, sondern seine ehrliche Befragung. Wir wollen ihn nicht bloß verteidigen, sondern neu befragen — was sagen seine Kritiker, das wir uns nicht zu leicht machen sollten?