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Von einem Gramsci Midcult ließe sich in diesen Zeiten problemlos sprechen. Metapolitik ist das geflügelte Wort mit dem allerlei politische Fraktionen in die Schlacht ziehen, um – wie auch immer geartete – kulturelle Landgewinne zu versprechen. Der vulgäre Gramscianer reagiert auf die kulturellen Blindspots des Establishments mit einem eigenen politischen Blindspot: er liebt die kulturellen Abstraktheit, um die politische Konkretheit auszublenden.

Dass beides, kulturelle Vibes und politische Programmatik, zusammenhängen, zeigt indes der Erfolg der Abundance-Bewegung in den USA. Hier hat man es erfrischenderweise mit einer Bewegung zu tun; die es geschafft hat, einen Vibeshift zu postulieren, der nicht in der nihilistischen Hyperpolitik des Kulturkampfes versandet, sondern spezifische politische Programmatik impliziert. Die neue Lust auf die Zukunft, die sich im Versprechen nach Übermaß versteckt, ist zugleich das Vertrauen, dass diese durch einige politische Reformen erreichbar sei. Aus guten Gründen wurde und wird viel über Abundance gesprochen, doch unbeantwortet ist die tiefgreifendere Frage, wie die Bewegung überhaupt entstehen konnte und wie sie sich in politischen Eliten durchsetzte. Findet eine neue Kultur des Wachstums, wie sie der Wirtschaftshistoriker Joel Mokyr einst beschrieb, bei Ezra Klein und Thompson ihren Ausgangspunkt oder zu einem anderen Zeitpunkt? Lässt sich eine „Kultur des Wachstums“ herbeischreiben oder sind exogene Bedingungen ausschlaggebend?

Ein erstes Indiz gegen die Ausgangspunkt-These ist schon der Nobelpreis, den Mokyr für sein Buch A Culture Of Growth 2025 erhalten sollte. Dass Nobelpreise nach Qualität vergeben werden sollten, ändert nichts daran, dass ihre Vergabe globale inhaltliche Verschiebungen andeutet. Ein neues Interesse am Wachstum hatte sich schon ein Jahr zuvor beim Nobelpreis für Daron Acemoglu, Simon Johnson und James A. Robinson angedeutet. Die institutionellen Rahmenbedingungen des Wachstums, die populärwissenschaftlich in Why Nations Fail zum Ausdruck kommen, wurden ein Jahr später um ihre kulturelle Komponente ergänzt. Gute Rahmenbedingungen, stabile und wandelfähige Institutionen würden nicht ausreichen – es brauche auch kulturelle Voraussetzungen. Mokyr argumentierte, dass der anhaltende technologische Fortschritt auf einem Wandel der kulturellen Vorstellungen über die menschliche Natur und der Verbreitung von Wissen in Europa seit dem 17. und 18. Jahrhundert basierte.

So interessant wie der Zusammenhang zwischen den intellektuellen und wirtschaftlichen Triebkräften der Aufklärung und Industrialisierung auch ist, so wenig hilft diese These bei der Beantwortung der Frage, wieso ausgerechnet jetzt eine Wachstumsbewegung wieder intellektuell im Kommen ist. Vielleicht ist eine Antwort, die Frage umgekehrt zu stellen – warum gab es trotz den von Mokyr beschriebenen Voraussetzungen einer „Kultur des Wachstums“ in den letzten dreißig Jahren eine immer stärker werdende „Kultur des Anti-Wachstums“ im Westen?

Wer abseits der Wirtschaftswissenschaft nach Quellen sucht, könnte bei einem deutschen Soziologen fündig werden: Ulrich Beck. Mit seiner Diagnose der Risikogesellschaft war er nach dem Tschernobyl-Unfall einst berühmt geworden. Die Katastrophe beim „Systemgegner“ im Osten hatte schon hier ganz direkte Auswirkungen im Westen, weil es als Spiegelbild zu Reflektionen über die eigenen Systemrisiken einlud. Dass der sowjetische „Feind“ einen größeren Einfluss auf das Selbstverständnis des Westens im Kalten Krieg hatte, als man sich eingestehen wollte, machte Beck 1992 in einem bemerkenswerten Essay zum „feindlosen Staat“ deutlich. Die „interne Präsenz einer externen Instanz“, also die Sowjetunion, hatte die westlichen Staaten im Kalten Krieg stabilisiert. Mit dem Wegfall des äußeren Feindes drohte nun eine Legitimationskrise – so seine weitsichtige Diagnose in den frühen 90er Jahren.

Die Angst vor russischen Mittelstreckenraketen, so Becks gewagte These, war der geheime Klebstoff des Westens im Kalten Krieg. Nur so konnte sich eine stabile gesellschaftliche Identität stabilisieren, die erhöhte Militärkosten ermöglichte und das demokratische System legitimierte. Der Westen als politisches Programm inszenierte sich (zurecht) als politische Antithese des Sowjetkommunismus. Doch neben politischen Implikationen, die eine fortlaufende Liberalisierung ermöglichten, hatte dies vor allem ökonomische Auswirkungen. In doppelter Hinsicht war die Sowjetunion in diesen Jahren der beste Freund der Marktwirtschaft. Erstens, weil aus der Logik der Systemkonkurrenz die Notwendigkeit des wirtschaftlichen Wachstums abgeleitet wurde – um Waffen zu kaufen und den Wohlfahrtsstaat auszubauen. Zweitens, weil die spätere Unfähigkeit des Sowjetkommunismus, ökonomisch dem Westen standzuhalten, den Kommunismus desavouierte und den Kapitalismus so eine Zeitlang alternativlos erscheinen ließ.

Auf den Spuren einer Kultur des Wachstums landet man so schnell bei einer „Anti-Kultur des Wachstums“, die sich aus einer externen Feindschaft speist. Oder anders, die von Mokyr beschriebene „Kultur des Wachstums“ kanalisiert sich womöglich nur durch die Präsenz einer externen Instanz. Gerade in den ersten Jahren des Kalten Kriegs, als die Sowjetunion selbst noch stark wuchs, rechtfertigte sich die Kultur des Wachstums im Westen aus außenpolitischen Gründen. Man wollte beweisen, dass man schneller auf dem Mond ist, bessere Produkte baue und die Bevölkerung am wirtschaftlichen Wachstum stärker beteilige. Die Kombination aus Wirtschaftswachstum und Wohlfahrtsexpansion hatte Ralf Dahrendorf einst als Signum des „sozialdemokratischen Jahrhunderts“ beschrieben, aber gewissermaßen machte genau das die „Anti-Kultur des Wachstums“ aus, die die Sowjetunion im Kalten Krieg dem Westen so lange vorgab, bis sie im Konkurrenzkampf endgültig verlor. Der Sieg des westlichen Wachstums war zugleich der Ausgangspunkt der Kritik am Wachstumsmodell – es fehlte für die politischen Eliten nun die geopolitische Notwendigkeit, eine Kultur des Wachstums aufrechtzuerhalten.

Wenn die Sowjets also den Westen der Nachkriegszeit, wie wir ihn heute kennen, schufen, wie Ulrich Beck etwas polemisch 1992 zuspitzte, welchen Westen wird heute der chinesische Aufstieg erschaffen? Ein erstes Opfer hat der chinesische Export-Prometheus schon gefunden: das verspätete Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Chinesen ist sowohl das wirtschaftliche Fundament des Wohlfahrtsstaates als auch ihre ideologische Begründung passé. Hatte man mit der Sowjetunion noch, zumindest abstrakt, um soziale Gerechtigkeitsvorstellungen konkurriert und schlussendlich obsiegt, sind jene sozialstaatlichen Wettbewerbe im „asiatischen Jahrhundert“ sekundär, wenn nicht sogar obsolet. Noch 2020 hatte Xi Jinping in einer Rede angemahnt, dass der neue wirtschaftliche Erfolg Chinas zu keiner sozialstaatlichen Expansion führen dürfe, die die Menschen „faul mache“. Auch das ist eine Kultur des Wachstums, die von ganz oben vorgelebt wird.

Die chinesische Kultur des Wachstums, die sich aus dem chinesischen Aufstieg ergibt, enthält die zwei Kernelemente, die Ezra Klein und Derek Thompson in ihrem Buch zur Erfolgsformel erheben: staatliche Handlungsfähigkeit und Wachstum. Von den sozialen Gerechtigkeitsvorstellungen, die der chinesische Staat vorlebt, ist nur die gleiche postkoloniale Performativität der Sowjets im Äußeren geblieben, die zugleich im Inneren aber um ihre sozialstaatliche Komponente bereinigt wurde. Und von Marx nur das Interesse am technologischen Fortschritt, der den Übergang vom bürgerlichen Staat in die kommunistische Gesellschaft ermöglicht. Oder in dem Fall, von peripheren Staat zur Großmacht im Weltsystem.

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Die Unterdrückung von Gewerkschaften, niedrigen Löhnen und harter Industriearbeit war auch schon in der Sowjetunion an der Tagesordnung, aber ist in China im Gegensatz zur Sowjetunion kein Bruch mehr mit dem staatlichen Selbstverständnis. Wo eine Kultur des autoritären Wachstums gepredigt wird, muss man um Widerstand von links à la Solidarność nicht fürchten – solange der Staat wächst. Etwas straussianisch könnte man also formulieren, dass die chinesischen Intellektuellen verstanden haben, dass sie auf dem sozialstaatlichen Gebiet gegen den Westen wie die Sowjets nur verlieren können – und sich deswegen innen- wie außenpolitisch auf reine Wachstumsrhetorik plus Praxis beschränken. Eine Domäne, wo der Westen aus dem naturwissenschaftlichen Blick der Chinesen besiegbar erscheint, wie sich zuletzt in Dan Wangs Breakneck angedeutet hatte.

Mit dem Erfolg jener Strategie ist man zugleich bei der Beantwortung der Frage, warum eine neue Kultur des Wachstums wieder im Westen reüssiert: Es ist eine neue „Anti-Kultur des Wachstums“, die sich im chinesischen Aufstieg spiegelt, nur mit leicht anderen Vorzeichen. Selbst die politische Linke ist so wieder auf dem Pfad des Wachstums, wenngleich ihre Mazzucato-ähnliche Lesart des chinesischen Aufstiegs auf einem sehr selektiven Verständnis der chinesischen Industriepolitik basiert. Dass die chinesische Industriepolitik gerade nur durch niedrige Löhne, nicht existente Gewerkschaften, laschen Umweltschutz und lange Arbeitszeiten funktioniert, wird hier nicht offen ausgesprochen. Das Schicksal der 200 Millionen Gig-Arbeiter, die der chinesische Schriftsteller Hu Anyan zuletzt beeindruckend beschrieb, ist unweigerlich an das chinesische Erfolgsmodell geknüpft.

Auf die Formel Hobbes plus Schumpeter könnte man dieses hier skizzierte chinesische Modell bringen: Staatlicher Dirigismus plus schöpferische Zerstörung oder Industriepolitik plus Deregulierung. Über die Zukunft zu schreiben, bleibt spekulativ, aber der Westen, den der chinesische Aufstieg erschaffen könnte, dürfte sich genau an diesen zwei Achsen neu orientieren: an der Rückgewinnung der staatlichen Handlungsfähigkeit und der Neuentdeckung des Wachstums. Die Sowjetunion war ein „Gottesgeschenk“ für den Westen, hatte Ulrich Beck einst polemisch formuliert – ob China retrospektiv ein Geschenk für den Westen sein wird, hängt eng damit zusammen, ob sie sich auf ihrem Gebiet überhaupt schlagen lassen. Von der liberalen Neuentdeckung des Staates und der linken Offenheit gegenüber der Deregulierung: Die politischen Implikationen des chinesischen Jahrhunderts im Westen deuten sich erst zaghaft an. Das Potenzial einer neuen „Anti-Kultur des Wachstums“ zu kanalisieren, das könnte die liberaldemokratische Aufgabe dieses Jahrzehnts sein.