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„Was trinkst du da?“, frage ich meine Freundin. Sie schüttelt gerade Pulver mit Wasser in einem Shaker. Während sich das Pulver langsam auflöst, färbt sich die Flüssigkeit in ein giftiges Pink. „Das ist der neue Longevity-Mix von Bryan Johnson.“ Ah, der neue Longevity-Mix von Bryan Johnson, denke ich.
Wer nicht die Hälfte des Tages doomscrollend verbringt, hat vermutlich noch nie von Bryan Johnson gehört. Der 48-jährige Technologieunternehmer hat mit seinem „Projekt Blueprint“ ein millionenschweres Experiment gestartet, mit dem Ziel, nicht zu sterben. Johnson versucht, sein biologisches Alter auf das eines 18-Jährigen zurückzuführen und die sogenannte Longevity Escape Velocity zu erreichen, jenen historischen Punkt, an dem der medizinische Fortschritt schneller voranschreitet als der menschliche Alterungsprozess.
Das passende Motto lautet entsprechend schlicht: Don’t Die. Einer der ältesten Träume der Menschheit wird hier als n=1-Experiment neu aufgeführt. Über hundert Biomarker werden überwacht, täglich mehr als hundert Nahrungsergänzungsmittel eingenommen und Millionenbeträge investiert. Die Ergebnisse werden dokumentiert und inzwischen sogar für uns (noch) Normalsterbliche vermarktet. Jede und jeder kann so ein wenig an der eigenen Unsterblichkeit arbeiten.
Fortschrittsmüdigkeit
Über das Fehlen von Fortschritt wird heute viel gesprochen: über die Verdunkelung des Zukunftshorizonts, den Verlust politischer Utopien und die Erschöpfung großer gesellschaftlicher Erzählungen. Die Diagnose scheint bekannt: Uns ist die Zukunft abhandengekommen. Statt einer besseren Welt entgegenzustreben, richten wir uns in einer verlängerten Gegenwart ein oder wenden den Blick nostalgisch zurück in eine vermeintlich glücklichere Vergangenheit.
Und doch ist bemerkenswert, worauf sich viele der heutigen Fortschrittsfantasien richten. Der Fortschritt ist nämlich keineswegs verschwunden, auch wenn heute häufig genau das behauptet wird. Er hat jedoch seinen Adressaten gewechselt.
Denn Johnsons Projekt ist nicht kollektiv, sondern primär individuell gedacht. Es geht weder darum, die Menschheit klüger, kreativer oder politisch reifer zu machen, noch darum, neue Formen des Zusammenlebens zu ermöglichen. Nicht mehr die Gesellschaft soll sich verbessern, sondern der einzelne Körper. Nicht die Menschheit soll vorankommen, sondern das Individuum soll länger leben, produktiver werden und gesünder altern.
Das eigentliche Objekt des Fortschritts ist nicht der Mensch als Gattungswesen, wie bei den Aufklärern aus dem 18. Jahrhundert, sondern das einzelne Individuum. Genau darin unterscheidet sich der neue Longevity-Kult von früheren Fortschrittsvorstellungen. Die großen Fortschrittsprojekte der Vergangenheit verstanden Fortschritt als etwas Kollektives und Egalisierendes. Sie zielten darauf ab, die Fähigkeiten und Handlungsspielräume der Menschheit insgesamt zu erweitern und führten damit zu einer stärkeren Symmetrisierung gesellschaftlicher Chancen. Heute richtet sich der Blick hingegen zunehmend auf das eigene Selbst. Nicht die Menschheit soll vorankommen, sondern der eigene Körper soll länger leistungsfähig bleiben. Diese Verschiebung betrifft nicht nur das Ziel des Fortschritts, sondern auch das Menschenbild, das ihm zugrunde liegt.
Vom Menschenbild zur Menschenoptimierung
Vielleicht lässt sich diese Verschiebung mit Peter Sloterdijk genauer fassen. In seinem Essay „Regeln für den Menschenpark“ beschreibt er den Humanismus als historisches Projekt der Menschenformung. Über Bücher, Bildung und kulturelle Praktiken sollte der Mensch erzogen und kultiviert werden. Fortschritt bedeutete hier nicht primär technische Verbesserung, sondern Selbstbildung. Gerade deshalb ist Sloterdijk hier relevant. Denn wenn die klassischen humanistischen Institutionen an Bedeutung verlieren, verschwindet der Wunsch, den Menschen zu verbessern, keineswegs. Er verändert lediglich seine Form.
Wo früher Schulen, Universitäten und politische Projekte den Menschen formen sollten, treten heute Schlaftracker, Bluttests, Nahrungsergänzungsmittel und genetische Zukunftsversprechen an ihre Stelle. Die Frage „Wie bilden wir den Menschen?“ wird ersetzt durch die Frage: „Wie optimieren wir den Organismus?“
Der Longevity-Kult erscheint dann nicht als Randphänomen, sondern als Ausdruck einer tieferen Verschiebung. Die Anthropotechniken der Moderne haben ihren Gegenstand verschoben. Fortschritt wird zunehmend technologisch-biologisch gedacht. Der Menschenpark hat sein pädagogisches Personal verloren und setzt nur noch auf die physische Zurichtung.
Dabei ist nicht entscheidend, dass Menschen sich verbessern wollen. Das wollten sie immer. Entscheidend ist, dass der Horizont der Verbesserung schrumpft. Der Mensch soll nicht mehr freier, urteilsfähiger oder solidarischer werden, sondern messbarer, leistungsfähiger und langlebiger. Es findet eine bemerkenswerte Verschiebung statt: An die Stelle der Frage, wie wir als Menschen besser zusammenleben und urteilen können, tritt die Frage, wie wir unseren Körper optimieren, unsere Leistungsfähigkeit steigern und unsere biologische Lebensspanne verlängern. Die klassische Idee der Selbstbildung – die Arbeit am Charakter, an der Urteilskraft und am Verständnis der Welt – verliert an Bedeutung gegenüber einer Logik der Selbstoptimierung. Nicht mehr die Entfaltung der Persönlichkeit steht im Mittelpunkt, sondern ihre Vermessung; nicht mehr die Suche nach Weisheit, sondern die Maximierung von Effizienz; nicht mehr die Frage nach dem guten Leben, sondern nach einem möglichst leistungsfähigen und gesunden Leben.
Das bedeutet nicht, dass körperliche Gesundheit oder Fitness geringzuschätzen wären. Keineswegs. Wir wissen, wie wichtig diese sind, um ein gutes und gelingendes Leben zu führen. Neu ist vielmehr die kulturelle Hierarchie: Was früher als Voraussetzung für ein gelingendes Leben galt, wird zunehmend zu dessen eigentlichem Ziel. Die Verbesserung des Körpers tritt an die Stelle der Vervollkommnung des Menschen.
Die zweite Natur
Bruno Latour hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Moderne ihre größte schöpferische Energie auf die Umgestaltung der Natur richtet. Krankheiten werden bekämpft, Gene entschlüsselt, Körper optimiert. Die materielle Welt erscheint als etwas, das sich mit genügend Wissen und Technologie immer weiter verändern lässt.
Erstaunlich unbeweglich wirkt dagegen häufig die gesellschaftliche Welt. Institutionen, Eigentumsverhältnisse oder soziale Ungleichheiten erscheinen oft wie Naturgesetze: schwer vorstellbar, kaum veränderbar. Es ist leichter, sich eine Zukunft ohne Alterung vorzustellen als eine Gesellschaft ohne prekäre Arbeit oder gesicherte Grenzen. Mark Fishers These zum unvorstellbaren Ende des Kapitalismus lässt grüßen.
Daher lässt sich die Geschichte der Moderne auch als Geschichte eines eigentümlichen Ungleichgewichts erzählen. Je größer unsere technische Gestaltungsmacht wird, desto bescheidener scheint unsere politische Vorstellungskraft häufig zu sein. Wir können den Alterungsprozess auf molekularer Ebene analysieren und womöglich bald gezielt beeinflussen. Zugleich fällt es uns erstaunlich schwer, gesellschaftliche Verhältnisse zu denken, unter denen Menschen überhaupt gleichermaßen gesund altern könnten.
Gerade deshalb wirkt der Longevity-Hype so symptomatisch. Die Zukunft wird nicht mehr primär als kollektives Projekt gesellschaftlicher Verbesserung imaginiert, sondern als biotechnologische Optimierung des individuellen Körpers. Der Fortschritt zieht sich aus der Gesellschaft zurück und konzentriert sich auf den Organismus.
Wer bekommt die zusätzlichen Jahre?
Die klassische Moderne verband Fortschritt fast immer mit einer Angleichung gesellschaftlicher Lebensverhältnisse. Impfungen, Elektrizität, Bildung oder soziale Sicherungssysteme galten deshalb als Fortschritt, weil sie immer mehr Menschen zugänglich wurden. Hier ergibt es wirklich Sinn, von einem trickle-down zu sprechen: Kühlschrank, Fernseher, Auto, Italienreise.
Der neue biotechnologische Fortschritt könnte hingegen eine gegenteilige Dynamik entfalten (für eine Gegenposition siehe hier). Die Frage rückt auf: Wer wird länger leben? Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Natur des Alterns technisch angreifbar wird, erscheinen die gesellschaftlichen Bedingungen des Alterns bemerkenswert unveränderlich. Während enorme Ressourcen darauf verwendet werden, einige zusätzliche Lebensjahre zu gewinnen, bleibt weitgehend unbeantwortet, warum die Lebenserwartung überhaupt so ungleich verteilt ist.
Science-Fiction hat diese Frage natürlich längst durchgespielt. In der Serie Altered Carbon können Bewusstseine digital gespeichert und in neue Körper übertragen werden. Unsterblichkeit existiert dort tatsächlich, allerdings nur für diejenigen, die sie bezahlen können. Biblisch werden diese Superreichen als Methusalems bezeichnet. Die Zukunft beseitigt die Ungleichheit nicht: Sie verlängert sie.

Die Zukunft erscheint hier nicht als Überwindung gesellschaftlicher Widersprüche, sondern als deren Zuspitzung. Besonders deutlich zeigt sich dies bereits heute in den USA. Wohlhabende Bevölkerungsschichten leben immer länger und gesünder, während Armut, Krankheiten und sogenannte „Deaths of Despair“ die Lebenserwartung anderer Gruppen senken.
Ein Schluck Fortschritt
Damit stellt sich eine alte Frage des Fortschritts neu: Nicht nur, was technisch möglich ist, sondern wem diese Möglichkeiten zugutekommen. Die Geschichte der Moderne ist schließlich nicht nur die Geschichte immer neuer Erfindungen, sondern auch die Geschichte ihrer Verteilung. Elektrizität, Bildung, medizinische Versorgung oder digitale Kommunikation galten einst als Fortschritte. Entscheidend war jedoch nie allein ihre Existenz, sondern wer Zugang zu ihnen hatte.
Vielleicht zeigt sich gerade hier die eigentliche Verschiebung unseres Fortschrittsbegriffs. Lange Zeit war Fortschritt mit kollektiven Hoffnungen verbunden: mehr Freiheit, mehr Bildung, mehr politische Teilhabe. Heute zieht er sich immer häufiger in den privaten Raum zurück. Man träumt nicht mehr von einer besseren Welt, sondern von einem besseren Sleep-Score.
Das ist keineswegs irrational. Wer würde nicht gerne gesünder, fitter oder länger leben? Und doch bleibt ein merkwürdiges Unbehagen. Denn je mehr Energie darauf verwendet wird, den individuellen Körper zu perfektionieren, desto weniger selbstverständlich erscheint die Vorstellung, auch die gesellschaftlichen Bedingungen verändern zu können, unter denen Menschen leben, altern und sterben.
Und dann sitze ich wieder neben meiner Freundin, die ihren giftig-pinken Drink schüttelt. „Willst du auch mal probieren?“, fragt sie. Ich zögere. Aus Prinzip müsste ich ablehnen. Aus Kritik. Wegen Adorno. Dann nehme ich einen Schluck. Nicht, weil ich glaube, dadurch die Longevity Escape Velocity zu erreichen. Sondern weil man sich dem Wunsch, ein wenig gesünder, ein wenig fitter, ein wenig länger zu leben, letztlich nie ganz entziehen kann. Es schmeckt künstlich. Aber nicht schlecht. Und für einen kurzen Moment frage ich mich: Habe ich gerade Anteil am menschlichen Fortschritt?