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Wenn die Dinge sich von selbst beschleunigen, dann ist Akzelerationismus womöglich nur noch eine Kommentierung des Entgleitens. Eine Flucht nach vorn, die von der Gegenwart eingeholt wurde.

In seinem Ursprung ist Akzelerationismus eine Lesart des Marxismus. Den Kapitalismus könne man weder verlangsamen noch aufhalten. Man wird ihn nur los, indem man seine Widersprüche anwachsen lässt. Das System muss an sich zerbrechen, damit ein neues folgen kann. Einen rechtsextremen Akzelerationismus gibt es auch. Abstrakt folgt er derselben eskalativen Logik: Die Schaffung eines ethnisch homogenen Staats gelinge nur durch rassistischen Bürgerkrieg.

Die neueren Akzelerationismen hingegen beziehen sich primär auf das Voranschreiten der Technik. Gesellschaftliche Entwicklungen werden als technologisch angetrieben, ermöglicht oder determiniert betrachtet. Sie heißen die Beschleunigung gut - formulieren Hoffnungen und Gelingensbedingungen aber unterschiedlich. Der neue Diskurs um Automatisierung und künstliche Intelligenz markiert für alle Akzelerationismen einen Inflektionspunkt. Technologische Beschleunigung ist kein Desiderium mehr, sondern Fakt. Es geht nur noch darum, ob die beobachtbare, von digitalen Technologien getriebene Beschleunigung gut oder schlecht ist. Ein dezelerationistischer Konsens scheint sich zu formen, wonach vieles zu schnell abläuft, niemand mehr hinterherkommt. Für Akzelerationisten kommt diese Verdichtung des Zeitstrahls weniger überraschend als für andere. Sie ist die erwartete Fortsetzung exponentieller Kurven. Trotzdem befinden sie sich nun in der seltsamen Situation, von ihrer Prognose eingeholt worden zu sein. Für eine randständige Denkrichtung stellt sich die Frage der Relevanz.

Im rechts-libertären Akzelerationismus kann man dieses Danach und Davor gut unterscheiden. Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto aus 2023 wird dem effektiven Akzelerationismus (e/acc) zugeordnet, der sich als Gegenbewegung sowohl zu Degrowth als auch zum apokalyptischen Strang der effektiven Altruisten versteht. Andreessen formuliert als Glaubensbekenntnis: “We believe everything good is downstream from growth.” Damit unterscheidet er sich von Nick Lands Akzelerationismus der 90er Jahre. Dieser ist eine dunkle Prophezeiung: “Nothing human makes it out of the near-future.” Technisierung als Prozess und Kapitalismus als ihr Mechanismus bilden bei Land eine selbstverstärkende Feedbackschleife, die auf eine Umformung oder Vernichtung des Menschen hinausläuft. Land ist das nicht nur egal, er ist sogar geil darauf. Er schreibt im Stil eines zurückgekehrten Zeitreisenden. Nun sind wir dieser Zukunft näher und Andreessen sagt beschwichtigend über denselben Prozess: Nein, das wird gut ausgehen.

Auch linker Akzelerationismus kennt eine destruktive und konstruktive Spielart. Da ist die bereits erwähnte dialektische Hoffnung, dass ein Anwachsen der Widersprüche schließlich zu ihrer Überwindung führt. Dass sich der Kapitalismus selbst abschafft, wenn man ihn lässt. Da ist aber auch immer schon die Ambition, mit den Mitteln der Technik eine bessere Gesellschaft zu bauen. In den Maschinenfragmenten sagt Marx 1858, dass die Metamorphose der Produktionsmittel auf eine Ablösung menschlicher Arbeit durch Maschinen hinausläuft. Lenin formuliert 1920: “Kommunismus — das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung.”

Die Idee der Umweltbewegung, dass weniger nicht weniger, sondern mehr ist, hat diese linke Tradition unterbrochen. Angesichts klimatischer Kipppunkte und kollabierender Ökosysteme wurde ein Weg des präventiven Verzichts eingeschlagen, an dem erst nun, nach etwa fünfzig Jahren, die Zweifel lauter werden. Denn Transformation geht nicht ohne Industrie und Bewältigung von Umweltproblemen gelingt nicht ohne Reichtum. Ein strategischer Fehler war es außerdem, Elon Musk das Feld der Hoffnung zu überlassen. Ein besseres linkes Bild von der Technik wäre gewesen: Sie erlaubt, mehr mit weniger zu tun. Irgendwann kann man durch sie alles mit nichts tun. Ephemerisierung hat Buckminster Fuller das genannt.

Die techno-modernistische Tradition der UdSSR aufgreifend, macht China vor, was geht, wenn man das bessere Leben - zumindest in seinen materiellen Dimensionen - wortwörtlich baut. Output vor Input. Der Erfolg von Ezra Klein und Derek Thompsons Abundance zeigt, dass es im globalen Nordwesten Sehnsucht nach einer Kurskorrektur in diese Richtung gibt. Diese wurde von linken Akzelerationisten zuvor mehrfach versucht, fand aber kaum Beachtung. Fully Automated Luxury Communism von Aaron Bastani aus dem Jahr 2019 ist ein Beispiel. Auch die 2013 von Nick Srnicek und Alex Williams im ACCELERATE MANIFESTO formulierte Haltung, ließ sich bislang nicht in Politik übersetzen: “Whereas the techno-utopians argue for acceleration on the basis that it will automatically overcome social conflict, our position is that technology should be accelerated precisely because it is needed in order to win social conflicts.”

Die Angst vor der Obsoleszenz der Büromenschen bildet nun eine neue Hürde für ein positives Verhältnis von linker Politik zu Technik. Fortschritte in der Automatisierung führen unter Progressiven zu einem strukturell reaktionären Verhalten. Jobs, die gestern noch wahlweise als ausbeutend, entfremdend oder Bullshit bezeichnet wurden, sollen plötzlich ein Bollwerk gegen das Abrutschen in eine permanent underclass bilden. Als ob es die nicht bereits gäbe. Es wird für den Erhalt eines Status Quo gekämpft, der zuvor als untragbar kritisiert wurde.

Für diesen Kampf liefert die Geschichte der Automatisierung Vorgänger, aber keine Begründung. Die antike Kritik der Schrift und den ludditischen Widerstand gegen die Mechanisierung belächeln wir rückblickend richtigerweise. Es stimmt, die Industrialisierung brachte erst ein Lumpenproletariat und viel Leid hervor, die Sozialgesetzgebung kam später. Ja, Produktivitätsgewinne führen im Kapitalismus nicht zu Keynes 15-Stunden-Woche. Und sad but true, die Diffusion künstlicher Intelligenz in bestehenden Systemen der Bildschirmsucht, Werbung, Überwachung und monopolistischer Extraktion könnte alles zunächst schlimmer machen.

Jede technische Revolution ist ambivalent und provoziert eine Gegenbewegung. Nur hat die Gegenbewegung selten recht behalten. Was würde auch aus dem Wissen um einen drohenden Untergang folgen? Welche Infrastrukturen soll man zerstören, welche Mittel verbieten, wo zieht man die Grenzen? Und welchen Bestand können diese haben? Unmittelbar, weil Staaten nicht aus dem Dilemma der Abrüstung herauskommen. Und längerfristig, denn wie schon Ted Kaczynski in seinem Manifest feststellte: “… all social arrangements are transitory; they all change or break down eventually. But technological advances are permanent within the context of a given civilization.”

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Die Angst vor der Zukunft als naiv abzutun verbietet sich dennoch, weil der technische Wandel sich innerhalb eines diskreditierten Systems abspielt. Technik trickled tatsächlich down, nur wird dieser erfreuliche Umstand von einer voranschreitenden Vermögens- und Machtkonzentration überschattet. Der Frust mit den Milliardären überträgt sich auf ihre Projekte. Berechtigterweise, weil diese Akteure wenig soziale Motivation erkennen lassen, teils sogar mit dystopischer Rhetorik um Kapital konkurrieren.

Evgeny Morozov hat in “Socialism After AI” darauf hingewiesen, dass Künstliche Intelligenz nicht nur Produktivkraft ist, sondern auch Medium, kulturelle Form und Erkenntnismaschine. Sie ist derart transformativ und dynamisch, dass es bislang kaum vorstellbar ist, wie sie sich gemeinwohlorientiert oder demokratisch einhegen ließe. So ist es ironischerweise die Akzeleration der Technik, die dem linken Akzelerationismus, als Wunsch nach demokratischer ökonomischer Planung verstanden, Plausibilität entzieht.

Produktzyklen sind schneller als Policy-Zyklen. Souverän ist, wer Fakten schafft. Souverän ist, wer schneller ist. So stellt es sich leider dar. Einzelne Technologiekonzerne haben mehr Ressourcen und Handlungsspielräume als die meisten Staaten. Sie machen alle zu ihren Abhängigen. Diese Diagnose ist traurig, aber der Gedanke einer Kontrolle von Technologie im bisherigen Modus der Gesetzgebung wirkt hilflos, bestenfalls nachholend, jedenfalls anachronistisch. Für collective self mastery bräuchte es eine Akzeleration der Politik selbst. Aber wie? Liquid Democracy und verwandte Konzepte scheinen experimentell gescheitert.

Land bemerkt über Srnicek und Williams, er halte es für schizophren, zu glauben, dass sich Kontrolle und Beschleunigung im Grundsatz vereinbaren lassen. Curtis Yarvins CEO-Monarch oder Palantir CEO Alexander Karps Technological Republic lösen dieses Problem zugunsten der Autokratie auf. So tauscht man ein Problem ein gegen ein noch größeres. Freiheitliche Ordnungsvorstellungen tun sich währenddessen schwer, einen Umgang mit der beschleunigten Technisierung zu finden. Der Liberalismus ist in einem awkward spot. Als Projekt der Macht-Balancierung wurde er vom Erfolg einzelner Monopolisten zerschossen. Um Superplayer wieder in einen Wettbewerb zu zwingen, bräuchte es einen stärkeren Staat. Capitalism with Chinese characteristics.

Wenn jeder Anspruch auf politische Kontrolle von Illusionen oder normativen Tradeoffs geplagt ist, was ist dann die programmatische Alternative? Laissez-faire muss man sich nicht vornehmen. Ihn erreicht man durch Unterlassen. Man kann, so wie Andreessen es vorschlägt, hoffen, dass schon alles gut wird. Weil Technologie ultimativ segensreich ist. Der Subtext davon: Egal in welchen Machtkonstellationen sie zur Anwendung kommt. Es stimmt schon, dass die Slippery Slope des technischen Fortschrittes uns eher bergauf als bergab geführt hat. Aber dieser Ride war weder smooth noch linear. Eine solche langfristig optimistische Perspektive einzunehmen ist schwierig, wenn der ökonomische Überlebenskampf unmittelbar bevorsteht.

Trostreicher und  aufgeklärter wäre der Akzelerationismus als Hoffnung, dass die technische Disruption als Katalysator wirkt. Dass uns das Anwachsen der Probleme ihrer Lösung näher bringt. Das führt uns zurück zur ursprünglichen, dialektischen Spielart.

Man sollte Krisen nicht glorifizieren. Aber wenn sie unvermeidbar sind, dann wenigstens das Beste aus ihnen machen. Vielleicht ist es nicht mehr weit bis zur Entkopplung von individueller Produktivität und Lebensstandard. Vielleicht sind bald die Bedingungen für die Erkämpfung dieses Ziels gegeben.

Die Gegner solch eines Akzelerationismus sind die Verteidiger des Status Quo. Konservierer. Reaktionäre Progressive. Feinde der Arbeitsersparnis. Händisch eine Excel-Tabelle pflegen ist, wie ohne Traktor einen Acker zu bestellen. Plackerei. Es gibt keine Utopie zu verteidigen. Es hilft, sich aktiv daran zu erinnern, wie man die westlichen Demokratien vor der Ankunft der Künstlichen Intelligenz wahrgenommen hat: Als reformunfähig, gerontokratisch, refeudalisiert, stagnierend, von Polykrisen geplagt. Naiv ist, wer glaubt, dass eine Verlangsamung der technischen Entwicklung die Zeit kauft, in der sich dann diese Probleme lösen lassen.

Akzelerationist sein bedeutet nicht, ein Cheerleader zu sein. Cheerleader braucht niemand. Vor allem die Geschichte nicht. Was es aber bedeuten kann: Gedanklich beschleunigen. Wenigstens gedanklich mithalten. Bitte nicht von gestern sein.