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Wir haben die Bodenhaftung verloren. Als Katy Perry 2025 mit Blue Origin ins Weltall flog, lag der CO2-Anteil in der Atmosphäre bei etwa 425 ppm. Im Jahr 2008, als „I Kissed a Girl“ gerade im Radio anlief, lag er noch bei etwa 385 ppm. Im vorindustriellen Zeitalter dagegen bei 280 ppm.

Die rasende Beschleunigung der technischen Entwicklung, wobei die globale Erwärmung voranschreitet und sich andere planetarische Grenzen allein im Zeitraum der Erfolgsjahre eines Popstars drastisch verschieben, wird allgemeinhin Fortschritt genannt. Eine rein weibliche Crew rund um Katy Perry im Space Shuttle einer der reichsten Männer der Welt, nennen so manche Werbeträger female empowerment. Und das Gefühl im Bauch, wenn man bedenkt, wie sehr sich die ökologischen Krisen zuspitzen, während Regierungen der Industriestaaten zum Schutz der Freiheit von Konsum und Produktion Klima- und Umweltschutzmaßnahmen ausbremsen, nenne ich Übelkeit. All das zusammen lässt sich auch als rasender Stillstand bezeichnen, denn dieser Fortschritt hat so wenig mit emanzipatorischen und demokratischen Idealen zu tun wie „I Kissed a Girl“ mit dem ökologischen Kollaps.

Blue Origins Slogan „For the Benefit of Earth“ oder SpaceX’ „Making Humanity Multi-Planetary“ folgen dem Leitmotiv der Tech-Eliten: Fortschritt und Freiheit zum Wohl der Menschheit. Alle, denen die Verteidigung unserer Demokratie wichtig ist, sollten an dieser Stelle wachsam sein und kritisch hinterfragen, inwiefern unser Verständnis von Freiheit und Fortschritt längst von jenen Unternehmern des Weltraumtourismus, der KI und Social-Media-Plattformen verklärt wird und wie sehr uns die scheinbar endlose Erweiterung unserer Möglichkeiten den Kern der Freiheit vergessen lässt, nämlich das Privileg, Möglichkeiten ungenutzt zu lassen. Unsere Idee der liberalen Freiheit und des Fortschritts war schon immer systematisch an materiellen Überfluss gekoppelt. Die extraktive Nutzung von Rohstoffen wie Kohle und Öl war die Bedingung, dieses Freiheitsversprechen tatsächlich einlösen zu können, wobei die Kosten der Umweltzerstörung stets externalisiert wurden. Anstatt unser Verständnis von Freiheit zu erden, soll die Externalisierung nun multi-planetare Umwege gehen. Keinesfalls gehöre ich zu jenen, die den Fortschritt verteufeln, denn wir verdanken es der Befreiung von der Not der Lebensnotwendigkeiten, dass wir unter Bedingungen politischer Freiheit leben können. Doch ist die Fixierung auf Fortschritt durch Steigerung materieller Ressourcen im Modus der Beschleunigung keine hinreichende Bedingung für Freiheit, sondern Ausdruck einer zwanghaften Verklärung der Mittel zum Inbegriff des guten Lebens, so dass sich das Verhältnis zwischen Freiheit und materiellem Überfluss zunehmend umkehrt.

Während sich der Weltraum für die Menschheit öffnet, verlieren die Menschen zunehmend bewohnbaren Raum auf unserer Erde. Wer den Fokus auf abstrakte Kategorien wie die Menschheit richtet, verliert die Menschen in ihrer Einzigartigkeit und Verschiedenheit aus dem Blick. Und wer im Namen der Menschheit spricht, verschleiert meist seine eigenen Interessen und leugnet immer das Politische. Denn das Politische besteht in der Pluralität der Menschen sowie aller nicht-menschlichen Wesen, die in den ökologischen Krisen und in den Verflechtungen von Mensch, Natur und Technik in Erscheinung treten. Wie sehr unser Freiheitsraum zu schrumpfen droht, führen uns die ökologischen Krisen vor Augen. Freiheit konnte einst als Befreiung von den Notwendigkeiten des Lebens definiert werden, doch nun dringen die Notwendigkeiten unmittelbar in den Raum der politischen Freiheit ein, denn Extremwetterereignisse oder das Artensterben nötigen uns, unsere Lebensweisen anzupassen und jenes Verständnis von Freiheit zu hinterfragen, welches die Welt entzweit, in eine Welt, in der wir leben, und eine Welt, von der wir leben.

Die Machtkonzentration einiger Weniger, die ihre Reichweite nutzen, um das Wohl der Menschheit zu definieren, beeinflusst nicht nur die ökologischen Krisen, sondern freilich auch die Krise des Liberalismus. Seine Strahlkraft bezieht der Liberalismus nämlich nicht aus der Möglichkeit, Katy Perry ins All zu schießen, sondern aus der Freiheit, die Allmachtfantasien der Tech-Milliardäre ins Lächerliche ziehen zu können und ihnen so ihre Strahlkraft zu rauben – nicht trotz, sondern wegen aller Ernsthaftigkeit ihrer autoritären Bestrebungen. „Wer Menschheit sagt, will betrügen“, so der Nazi-Staatsrechtler Carl Schmitt, von dem sich auch der vermeintliche Freiheitsvisionär und Heilsversprecher Peter Thiel so begeistert zeigt. Ja, wir haben die Bodenhaftung verloren. Um sie zurückzuerlangen, braucht es ein Verständnis von Freiheit, das weder die materiellen Bedingungen unseres Zusammenlebens verkennt noch die Pluralität der Menschen im Namen des Fortschritts der Menschheit leugnet.