Diskussion · Replik schreiben →
»Aber im allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ, während das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die bisherigen Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne, meine Herren, stimme ich für den Freihandel.«
Karl MarxEs gibt nur noch wenige Bücher, die Diskurse tatsächlich prägen. Aber Ezra Kleins und Derek Thompsons Abundance ist eines davon. Kaum ein Werk hat in liberalen Zirkeln in den letzten Jahren so viel Hype ausgelöst. Jeder scheint es „gelesen“ zu haben (oder zumindest die Talking Points irgendwo aufgegriffen zu haben), redet darüber … und am wichtigsten: Jeder liebt es. Besonders in den progressiven Kreisen ist das Buch mittlerweile Teil der etablierten Folklore und reicht weit über die Nische jener Pro-Growth-Liberalen hinaus, die schon vor Ezra Klein gegen NIMBYs gehetzt, Works in Progress abonniert und den Hockey Stick of Human History gerahmt im Schlafzimmer hängen hatten.
Dass sich mit Klein der wohl einflussreichste Intellektuelle unserer Zeit als Fürsprecher eines Fortschrittsliberalismus geoutet hat, erschließt diesen Ideen ganz neue Zielgruppen – gerade jene, die Marc Andreessens Techno-Optimist Manifesto aus wohl eher soziologischen Gründen (wer will schon mit einem Venture Capitalist (!) und Trump-Unterstützer gemeinsame Sache machen?) abgestoßen hat. Da spricht das bildungsbürgerliche Ezra-splaining doch direkter zur Suhrkamp-Leserschaft und vermeidet zudem jegliche Referenzierung potenziell toxischer Begriffe wie Akzelerationismus – mit denen Andreessen über seinen expliziten Querverweis auf den kontroversen (to say the least) Denker Nick Land kokettiert. Dabei gehen beide Pamphlete in eine ähnliche Stoßrichtung.
Und auch ich war hyped. Denn allein die Einleitung liest sich wie mein feuchter Traum meiner liberalen Fortschrittsutopie: Energieüberfluss durch kleine Nuklearreaktoren an jeder Ecke, Lab-Grown Meat, Wunderpillen gegen Übergewicht, Krebs und Altern, wunderschöne grüne Städte mit Lieferdrohnen und selbstfahrenden Autos statt dröger Parkhäuser und vieles mehr. Und natürlich liebe ich den Titel: Abundance. Das klingt so viel schöner und zeitgemäßer als der Cornucopianism der 1980er-Jahre. Und geht auch leichter von der Zunge…
Beim Lesen des Buches wurde mein Enthusiasmus dann aber von Seite zu Seite geringer. Am besten lässt sich das wohl mit der enttäuschten Vorfreude auf die deutsche Übersetzung des Wortes Abundance beschreiben. Dort entschied sich der Verlag am Ende für den eher zurückhaltenden Titel „Der neue Wohlstand“. Vielleicht lässt sich gerade aus dieser sprachlichen Gegebenheit ableiten, dass sich hinter Abundance letztlich nicht mehr verbirgt als eine neue Verpackung der same-old-same-old liberalen Reformagenda. Die bleibt am Ende so „radikal“, dass sie sowohl bei Joe Biden als auch bei Friedrich Merz anschlussfähig wäre.
Damit stellt sich dann die durchaus zeitgeistige Frage, ob das wirklich „gut genug“ ist. Ein bisschen Deregulierung hier, ein bisschen mehr Innovationskraft da, dazu eine Prise Zukunftsoptimismus. Genügt das, um die Sklerose zeitgenössischer liberaler Demokratien aufzubrechen? Nach der Lektüre muss ich sagen: I don’t think so.
Vielmehr fühle ich mich im Deutschland des Jahres 2026 an Mark Fishers Diktum von der „slow cancellation of the future“ erinnert. Selbst wenn ich mir Ezra Kleins vermeintliche Utopie anschaue, ist es doch augenscheinlich klar, was das für uns geworden ist: ein unerreichbares Luftschloss. Wir haben uns als Gesellschaft längst gedanklich von der besseren Welt verabschiedet, ganz zu schweigen von einem goldenen Zeitalter der von der KI vollautomatisierten Luxusgesellschaft. Nur liegt das nicht, wie Fisher vermutete, an der Unausweichlichkeit eines tristen und entwürdigenden neoliberalen Kapitalismus. Es liegt am Staat. Oder nochmal mit Fisher: Man kann sich heutzutage leichter den Kollaps unserer Welt vorstellen als den des Verwaltungsstaates.
Helfen werden da auch all diese Ministerien für Staatsmodernisierung oder DOGE nicht mehr. Die kafkaeske Natur des expansiven Administrationsstaates hat längst unsere gesamte Denke korrumpiert. Deshalb genügen weder Reform noch Kettensäge. Es bedarf seines Kollapses. Ganz in der Tradition des Dark Liberalism findet man dafür das passende theoretische Handwerkszeug in den dunklen Nischendebatten des Akzelerationismus-Diskurses. Vielleicht muss die Abundance-Crowd am Ende doch das Vokabular ihrer unliebsamen Mitstreiter übernehmen – oder zumindest deren Akronyme, sei es das von Marc Andreessen und Beff Jezos (e/acc) oder das von Vitalik Buterin (d/acc).
Man kann sich heutzutage leichter den Kollaps unserer Welt vorstellen als den des Verwaltungsstaates.
Das ist jedoch nicht ganz so einfach, und es braucht etwas konzeptuelle Fantasie. Denn Liberale haben zum Akzelerationismus ideengeschichtlich eigentlich gar keinen wirklichen Zugang. Was wir derzeit als Beschleunigungsdenken und gerne auch mal als vermeintlichen Accelerationism anbieten, hat weniger mit strukturell-materiellen Ordnungen zu tun als mit der bloßen Geschwindigkeit und Umsetzung neoliberaler Public Policy: schnellere Innovationszyklen, schnellere Genehmigungen, schnellere Technologieadaption. All das jedoch innerhalb einer gesetzten politökonomischen Ordnung. Bei den Akzelerationisten geht es um mehr. Es geht um Systeme, Kybernetik und Rückkopplungsschleifen, um die Interdependenzen dieser Feedback Loops und darum, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und selbst regulieren. In der traditionellen Lesart des Akzelerationismus muss man die selbstverstärkenden Schleifen eines Systems so weit intensivieren, bis die Grenzen der regulierenden Kraft versagen. Ein System wird also weder über Widerstand noch über die Geduld der institutionellen Reform überwunden, sondern durch die Überladung seiner eigenen inneren Dynamik. Nimmt man den Akzelerationismus also ernst, müssen wir uns demnach weniger mit Reformpolitik befassen als mit der sozialen Ontologie und der Mechanik der Postmoderne. Und damit auch mit etwas postmoderner bzw. poststrukturalistischer Theorie.
Dabei soll gesagt sein, dass gerade in diesen Diskursen (die ohnehin nie wirklich im akademischen Mainstream und eher auf Blogs und in Internetforen geführt wurden) eine Vielzahl an Lesarten des Akzelerationismusbegriffs existiert. Srnicek und Williams etwa verstehen Akzeleration als Navigation statt als Kollaps, und selbst bei den Urvätern Deleuze und Guattari (D&G) ist das „den Prozess beschleunigen“ eher als konzeptionelle Fragestellung denn als politische Agenda formuliert. Ich glaube dennoch, dass sich gerade dort eine interessante und vielleicht sogar instruktive Gedankenwelt für den Liberalismus auftut.
Dafür muss man kurz zur Urszene des Akzelerationismus in D&Gs Anti-Ödipus zurückkehren. Denn dort wird die Idee der Deterritorialisierung eingeführt. Der Kapitalismus, den beide als Axiomatik dekodierter Ströme beschreiben, löst (sprich: dekodiert) Menschen, Arbeit, Waren, Land und Begehren aus ihren gewachsenen sozialen Bedeutungszusammenhängen, überführt sie in abstrakte Tauschbeziehungen und rekodiert sie schließlich in künstliche Ersatzformen wie Unternehmen, Märkte oder Alternatividentitäten. Dieser Prozess ist evolutionär und stetig fortlaufend. Am Ende bleibt ein Körper ohne Organe, in dem jedes Organ von seinem biologischen Zweck entfremdet und vom Organismus (sprich: dem Kapitalismus) rekodiert wurde. Indem die menschliche Existenz quasi zu einem Feld künstlicher Begehren transformiert wurde.
Oder zumindest so etwas in die Richtung.
Ein System wird also weder über Widerstand noch über die Geduld der institutionellen Reform überwunden, sondern durch die Überladung seiner eigenen inneren Dynamik.
Wichtig ist hierbei nur, dass diese Rekodierungen für D&G keine Gegenkräfte zum Markt sind; sie sind Kompensationsformen eines kapitalistischen Systems, das sich immer weiter ausbreitet. Der Staat ist dort kein Gegenspieler des Kapitals; er ist dessen technokratisches Vollzugs- und Stabilisierungsorgan (oder in ihrem Begriff: „Realisierungsmodell“). Die Dichotomie zwischen einem autonomen Markt und einem von außen intervenierenden bzw. korrigierenden Staat, wie Liberale sie verstehen, existiert bei D&G nicht.
Genau hier setzt der dunkle Lord des Akzelerationismus an: Nick Land. Er bricht die Doppelbewegung von D&G auf. Was bei D&G zwei Seiten desselben kapitalistischen Prozesses sind, verteilt Land auf zwei getrennte Gegenspieler: Das Technokapital wird zur reinen Deterritorialisierung und damit Beschleunigung; die Rekodierung wird zur Aufgabe des bremsenden, negativen Feedback Loops des Politischen: Staat und Regulierungsbehörden, Zentralbanken, Universitäten, Gewerkschaften, kurz alles, was Land verächtlich als das „Human Security System“ abtut. Der späte Land versieht diese kybernetische Zuspitzung dann mit dem Vokabular der österreichischen Tradition. Und da horchen Liberale natürlich auf. Er übernimmt Hayeks Begriff der Katallaxie (sprich: der spontanen, ungeplanten Ordnung) und stellt sie (wenn auch nicht explizit) der Taxis (sprich: der bewusst konstruierten, hierarchischen Organisation) gegenüber. Damit stellt sich Lands Modell plötzlich in einer Sprache dar, die selbst ein Liberaler checkt: Zwei gegeneinander arbeitende Kräfte in einem kybernetischen System. Nur die Rollenverteilung bleibt bei Land unverändert, das Technokapital beschleunigt, der administrative Staat bremst und dämpft. Dabei stellt sich doch die konzeptuelle Frage, ob wirklich nur eine Seite der politischen Ökonomie deterritorialisiert.
Es scheint doch nicht unplausibel, dass auch der moderne Verwaltungsstaat eine eigene Deterritorialisierungslogik besitzt. Bürokratische Abstraktion vollzieht nämlich strukturell dieselbe Operation, die D&G dem Markt zuschreiben: Ein konkretes, gewachsenes Verhältnis wird durch eine allgemeine, quantifizierbare Herrschaftskategorie (!) ersetzt. Der Markt verwandelt Arbeit in verkäufliche Arbeitskraft, Land in Privateigentum, Besitz in Kapital; die Verwaltung verwandelt Personen in Datensätze, Familien in Haushalte, Bedürftige in Leistungsberechtigte und Macht in Zuständigkeiten und Ämter. Im Sinne von James C. Scott kann auch der Staat nur das verwalten, was er zuvor in seine eigene Operationslogik übersetzt hat. Und das hat (ähnlich wie die Kommodifizierungslogik der Märkte) Auswirkungen auf unser Denken. Denn soziale Dynamiken, die nur noch in Verwaltungskategorien sichtbar sind, kann auch nur der Staat lösen: Altersvorsorge, Wirtschaftswachstum durch Industriesubventionen, Universal Basic Income. You name it.
Der Deterritorialisierungsprozess des modernen bürokratischen Staates hat damit ein Eigenleben entwickelt, das seine eigene Nachfrage reproduziert, und ist seiner Rolle als Zähmer des Marktes längst entwachsen. Vor jener Expansionslogik hatte bereits Ludwig von Mises gewarnt: Jede Regel erzeugt Grenzfälle und Ausweichreaktionen, deren Korrektur wiederum neue Zuständigkeiten, Berichtspflichten und Verfahren schafft. Jeder Eingriff schafft also die Verwerfung, die den nächsten begründet, und seine Rücknahme ist teurer als seine Ausweitung. Da wären wir dann: Die Rückkopplung des administrativen Staates durch Marktlogiken ist längst überwunden. Der Staat hat sich verselbständigt! Und diese Logik hat auch unsere Köpfe erreicht. Wir regulieren, bevor wir schaffen. Der Markt wird dabei nicht mehr nur von staatlicher Intervention gebremst; das Kapital wird vom Staat dominiert und in dessen eigene Logik überführt. So bleiben am Ende nur noch zwei Arten von Geschäftsmodellen: solche, die sich dem Zugriff des Staates agoristisch entziehen; und solche, die sich mit ihm gemein machen. Elon Musks Business Models heißen am Ende ja auch: staatlicher Emissionshandel und Subventionen (Tesla) und NASA-Aufträge (SpaceX). Aus sozialer Marktwirtschaft wird Staatskapitalismus.
Die Zukunft wird also nicht wegkommerzialisiert. Sie wird wegverwaltet.
Am Ende ist es wohl doch wieder der inverse-Fisher. Denn während Mark Fisher von einem „market Stalinism“ und damit der Vermarktlichung der Bürokratie spricht, erleben wir doch das genaue Gegenteil: das Primat des Genehmigungsstaates, der privatwirtschaftliche Initiative erst dann zulässt, wenn sie sich in seinen eigenen Kategorien beschreiben und einordnen lässt. Sozusagen ein „administrative Stalinism“. Und deshalb scheitert die technokapitalistische Utopie eben nicht daran, dass der Spätkapitalismus jede nur denkbare Fantasie kommodifiziert. Sie scheitert daran, dass das Neue erst seine Kongruenz zur Logik des Verwaltungsstaates beweisen muss. Kein Wunder, dass im Deutschland der Gegenwart nur noch die Verwaltung wächst. Die Zukunft wird also nicht wegkommerzialisiert. Sie wird wegverwaltet.
Was also tun mit einer Ordnung, die ihre eigene destruktive Sklerose als Input weiterverarbeitet? Hier gibt es drei Möglichkeiten:
-
Rückbau durch Deregulierung: keine wirkliche Option, darüber hatten wir ja schon gesprochen. Selbst in Argentinien, wo Javier Mileis Regierung allein im ersten Amtsjahr mehr als 300 Gesetze und Verordnungen streichen ließ, läuft der Rückbau eher zäh und mit der Gartenschere als mit der Kettensäge. Und selbst Milei weiß, dass sich das mit dem nächsten Regierungswechsel wieder ändern wird. Immerhin hat er verstanden, dass es für nachhaltige Veränderung mehr braucht als Dekrete: In diesem Sinne muss das akzelerationistische Denken selbst kulturell hegemonial in den Köpfen verankert werden.
-
Exit: sich der Deterritorialisierungslogik des Staates entziehen. Schöne Idee, aber nunmehr unmöglich. Als der Tech-Investor Balaji Srinivasan mit seinem Network State den traditionellen Staatsdynamiken entkommen wollte und seine Privatakademie als privat betriebene Community nach Malaysia auslagerte, wurde ihm kurzerhand die Geschäftslizenz entzogen (ein Wort ganz in der Logik staatlicher Rekodierung). Selbst das innovativste Technokapital kann sich also der Funktionslogik des Staates de facto nicht entziehen.

- Bleibt nur die dritte, akzelerationistische Option: die Überladung zum Kollaps. Wenn der Apparat weder zuverlässig zurückgebaut noch verlassen werden kann, beschleunigt man eben seinen eigenen selbstverstärkenden Prozess: mehr Zuständigkeiten, mehr Verordnungen, mehr Verfahren, mehr Bürokraten, bis das System final an seine fiskalischen und legitimatorischen Grenzen stößt und kollabiert.
Voilà, das klingt doch nach einer Anleitung.
Denn konsequent zu Ende gedacht heißt das doch: Die liberale Akzelerationist:in wählt keine Partei der Deregulierung. Sie wählt die Partei des „administrativen Stalinismus“. Sie wählt die Grünen.
Am Ende scheint der einzige Weg zum Fully Automated Luxury Liberalism tatsächlich genau das zu sein: Den tausendsten Versuch eines Abundance/Cornucopian/Wachstumsprogramms in die Tonne zu kloppen und das Ding einmal so richtig vor die Wand zu fahren. Ob sich daraus ein liberales Ordnungssystem entwickelt, wird sich zeigen. What do I know? Zumindest ist dann mal wieder die Zukunft radikal offen und unsere Denke befreit von den Fesseln der Bürokratie. Natürlich besteht trotzdem das von Nick Land prophezeite Risiko eines zivilisatorischen Kollapses, ganz im Sinne des Memes: „What did y’all think accelerationism meant? vibes? papers? essays? losers.“ Aber mal ehrlich: How bad can it get?
Oder es kommt halt, wie es kommen muss: Wir liberalen Akzelerationisten warten auf den Kollaps des Verwaltungsstaates genauso lange wie unsere marxistischen Freunde auf die Überwindung des Kapitalismus durch seine dialektischen Widersprüche. Das wäre dann wahrlich ironisch.