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Der Mensch sucht Orientierung. Finden kann er sie bei jenen, die ihm eine Vision des guten Lebens bieten. Politisch waren das in Deutschland und darüber hinaus für die letzten Jahrzehnte vor allem Grüne und Linke. Mit der Neuen Rechten und den Postliberalen folgen jetzt aber auch Angebote von rechts. Sogar staatlich durchgesetzt werden illiberale Visionen des guten Lebens, in Xis China und Orbáns Ungarn etwa. Dass die Konkurrenz sich so erfolgreich des guten Lebens angenommen hat, hat Liberale aufgeschreckt.
Manche Liberale, wie Alexandre Lefebvre, sehen in der Kultur der Gegenwart bereits eine liberale Lebensform angelegt. Ob dem so ist, hängt stark davon ab, was man unter Liberalismus versteht. Andere, wie Samuel Moyn und Helena Rosenblatt, werfen den Liberalen vor, ihre Tradition der Moralbegeisterung aufgegeben zu haben. Das mag vor allem für die Marktliberalen der Chicago School gelten, Milton Friedman muss sich wohl vorwerfen lassen, die Moral und das gute Leben vernachlässigt zu haben. Für Gertrude Himmelfarb oder Hannah Arendt kann man das jedoch nicht behaupten. Zum Ausgleich wollen jedenfalls wieder andere, Joshua Cherniss und Alan Kahan etwa, die Tugenden des Liberalismus wiederbeleben, das Streben nach dem guten Leben in liberaler Weise.
Brauchen Liberale eine solche eigene Vision des guten Lebens, von liberalen Tugenden und Idealen? Ich denke ja. Schon allein, um den gesellschaftlichen Wettbewerb der Ideen nicht zu verlieren, gegen rechts und links. Aber auch grundsätzlicher. So wichtig eine liberale Staatsorganisation ist und so sehr ihre Abwesenheit von Menschen gespürt wird, so reicht sie allein nicht aus, um die Menschen für den Liberalismus zu begeistern. Auch deshalb brauchen Liberale eine solche Vision, nicht nur privat für sich, sondern qua Liberale. Sie müssen sogar für sie werben.
Falsch wäre zu denken, der Liberalismus sei eine Staatsordnung, die aus Publicity-Gründen noch eine Weltanschauung, eine Idee des guten Lebens aufgesetzt braucht. Eher wirft das Angebot der Konkurrenz ein Licht auf ein bestehendes liberales Versäumnis. Die Freiheit des Menschen ist eine erlebte Freiheit, die das ganze Leben prägt. Natürlich ist dabei zentral, die Einzelne vor dem übermäßigen Zwang des Staates zu schützen. Aber das ist nicht alles. Stattdessen gehört auch eine Tradition des Nachdenkens über das gute freie Leben dazu.
Wilhelm von Humboldt hat nicht umsonst neben einer Theorie des Minimalstaats auch eine Idee der freien Selbstverwirklichung formuliert. Denn Menschen sehnen sich nach einem guten Leben. Sie zeichnen ihr eigenes Leben nicht auf dem leeren Blatt Papier, sondern setzen es aus den Angeboten ihrer Welt, mehr oder weniger angepasst für ihre Bedürfnisse, zusammen. Und wie sie es leben, so handelt eine „Gesellschaft“. Nicht mehr und nicht weniger. Eine Gesellschaft, deren Mitglieder vielfach mit liberalem Temperament leben, ist eine liberale Gesellschaft.
Für den politisch geübten Liberalen läuten spätestens hier die Alarmglocken. Widerspricht das nicht der weltanschaulichen Neutralität, die Liberale haben sollten? Das kommt sehr darauf an. Perfektionismus, also die Durchsetzung oder Ermöglichung von Tugenden und einem guten Leben mithilfe von staatlichen Interventionen, das widerspricht der Neutralität und scheint mir grundlegend illiberal.
Denn der Staat übt Zwang aus, den er im Zweifel mit Gewalt durchsetzt, egal, was er fördern will. Der liberale Wunsch nach möglichst wenig Zwang ist deshalb nicht damit vereinbar, das Leben der Menschen weltanschaulich zu prägen. Zumindest wenn es über das absolut notwendige Maß hinausgeht, das es braucht, um die liberale Staatsordnung aufrechtzuerhalten. Doch für die eigene Vision des guten Lebens begeistern, werben und andere von der Richtigkeit dieser Weltanschauung überzeugen zu wollen, das widerspricht der liberalen Neutralität nicht. Denn diese bezieht sich eben auf den Staat, nicht die einzelnen Menschen und ihre Gesellschaften.
Das räumt die Sorge vor der Tyrannei der Mehrheit nicht aus dem Weg. Mill beschreibt das Problem von Intoleranz ohne staatliche Eingriffe. Auch beim privaten Kritisieren, Ausschließen, Überzeugen muss also Vorsicht walten. Toleranz ist eben eine liberale Tugend. Im Privaten bedeutet das jedoch nur, andere zur eigenen Weltanschauung nicht per Druck zu bekehren. Solange es Raum für Abweichung gibt, Raum zum Sich-Ausprobieren, ist es kein Problem, von der eigenen Weltsicht überzeugen zu wollen. Diesen Raum zu schaffen ist eben auch Teil des liberalen guten Lebens.
Das zweite Problem, das Liberale klassischerweise mit einer Vision des guten Lebens verbinden, ist der Pluralismus. Pluralismus heißt, dass es verschiedene Werte gibt, denen Menschen folgen, und dass diese sich widersprechen, also nicht verlustfrei in Einklang gebracht werden können. Eine Vision des guten Lebens (oder eine Auswahl der solchen) vorzuschlagen widerspricht dem nicht. Natürlich hat die Liberale hier nicht die eine Schablone, der sich alle Menschen anpassen. Und kein einzelnes Leben kann, wenn der Pluralismus recht hat, alle Werte verwirklichen. Aber ein Leben kann dennoch bestimmten liberalen Tugenden folgen, liberale Visionen des guten Lebens verwirklichen, sich von weniger wertvollen Arten, seine Zeit zu verbringen, fernhalten.
Kein liberales Ideal ist das, was sich Rechte und Linke als Leben im spätmodernen Kapitalismus vorstellen, der reine, zügellose Konsum, der egoistische Exzess. Es ist, das erleben die meisten in ihrem Alltag, aber auch nicht die Realität des Kapitalismus. Und gegen alle Kritik sollten Liberale vermutlich festhalten: Konsum per se ist nicht schlecht, aber eben auch nicht alles. Mehr materielle Möglichkeiten zu haben, ist wertvoll, und materieller Fortschritt wunderbar. Es braucht nur mehr, um aus dem Leben ein gutes Leben zu machen.
Wie können liberale Tugenden aussehen? Manche Tugenden teilen wir mit anderen politischen Strömungen. Solidarität ist wichtig, das haben die Linken erkannt. Mut und Zuverlässigkeit sind wichtig, das haben die Konservativen erkannt. Liberale schätzen diese Tugenden jedoch nur dort, wo Menschen sie freiwillig ausüben. Erzwungene Handlungen können nicht tugendhaft sein, das wusste schon Aristoteles.
Neben den geteilten Tugenden gibt es aber auch genuin liberale Tugenden. Kreativität, Schaffenskraft, die Verwirklichung der eigenen, authentischen Sicht auf die Welt sind alles drei eigene liberale Tugenden. Auch Ambiguitätstoleranz, Widersprüche in sich und seinem Umfeld aushalten zu können, ist eine liberale Tugend. Nur Liberale kennen die ganze Kreativität von Märkten und freier, ungelenkter Forschung. Des Erkundens und Erschaffens. Das Sich-Selbst-Vervollkommnen statt des Die-Träume-Anderer-Erfüllens.
Verwirklicht sind diese Tugenden etwa in Menschen, die Probleme erkennen und dann selbst die Lösungen dazu finden, bauen, mit anderen gemeinsam schaffen. Eben ohne auf eine Aufforderung von oben zu warten, eigenverantwortlich, die Menschen um sie herum im Blick. Die Unternehmerin, die einen revolutionären Impfstoff entwickelt; der Künstler, der sich gegen die Mehrheitsmeinung selbst in seiner Kunst verwirklicht; die Lehrerin, die es ihren Schülern ermöglicht, statt standardisierte Tests zu meistern, die eigenen Talente zu verwirklichen und für andere einzusetzen. Sie alle leben liberale Tugenden.
Eine solche Skizze kann nur eine von vielen liberalen Ideen eines guten Lebens sein. Klar ist, dass wir viel mehr Angebote dieser Art machen müssen. Sie im Detail und in der Praxis ausbuchstabieren müssen. Das ist keine Aufgabe weniger Wochen, doch mit der vierten Ausgabe von ævum wollen wir unseren Teil dazu beitragen, ihr die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.